Leseprobe

Zeilengeflüster

Aus der Geschichte: Lovestory hautnah

Lilly schnaufte frustriert und warf das Handy achtlos neben sich aufs Sofa.

    So ein Mist, ausgerechnet heute!

    Ihre beste Freundin Jennifer hatte in diesem Augenblick den langfristig geplanten

›Mädels-Abend‹ abgesagt. Sie wollten ge­mein­sam ins Kino, sich die aktuelle Lovestory anschauen und anschließend in einer Bar die Abendstunden gemütlich ausklingen lassen.

Aktuell waren sie solo und durften nach Herzenslust drauflos flirten. Der kontakt­freudigen, fröhlichen Kommilitonin fiel es leicht, potenzielle Traumtypen in ein erstes Gespräch zu verwickeln. Ihr dagegen stand die Schüchternheit etliche Male im Weg. Deshalb zog sie gerne mit der Freundin los. Mit ihr wurde es nie langweilig.

    Daraus wurde heute Abend leider nichts. Lilly seufzte. Kein Kino, kein Liebesfilm, keine Flirts.

    Stattdessen lag Jennifer in diesem Augen­blick mit einem handfesten Schnupfen und angeschwollenen Mandeln zu Hause im Bett.

    Wieder ein Abend vorm Fernseher mit einer großen Portion Eis als Tröster.

    Ihre anderen zwei Freundinnen tourten in den Semesterferien zusammen durch Schott­land und standen nicht zur Verfügung. Außerdem wären sie ohnehin nicht mit ins Kino gegangen. Sie standen auf Aktion und Abenteuer statt ›Liebesschnulzen‹.

    Jennifer dagegen schwamm mit ihr auf einer Welle. Sie war trotz ihrer lebhaften Art hoffnungslos romantisch und genauso auf der Suche nach dem Traumprinzen wie sie selbst.

Schade, dass der gefühlvolle Abend jetzt ins Wasser fallen würde, schade um die Kinokarten. Sie hatte sich seit Wochen darauf gefreut.

    Und wenn ich alleine gehe?, überlegte Lilly erst widerwillig, dann nachdenklich.

    Sie hasste es, ohne Begleitung Veran­stal­tungen dieser Art zu besuchen, fühlte sich dabei verloren, einsam und unsicher. Im Kino würde sie auf aufgeregte Frauen treffen, die in Gruppen zusammenstanden, lachten und kicherten. Oder auf verliebte Paare, bei denen der Freund oder Mann freiwillig oder unfrei­willig die Liebste begleitete.

    Du bist ein Feigling, flüsterte eine ein­dringliche Stimme. Lässt dir die tolle Love­story entgehen, nur weil du dich nicht ins Kino traust.

    Trotzig runzelte Lilly die Stirn.

    »Ich bin kein Feigling«, murmelte sie, erhob sich vom Sofa und schlurfte nach­denklich zur Küchenzeile. »Ohne Jennifer macht es weniger Spaß und es wird sterbenslangweilig«, versuchte sie sich ein­zureden, während sie gedankenverloren den Orangensaft aus dem Kühlschrank nahm und ihn in ein Glas füllte.

    Doch sie wusste genau, dass das nicht der einzige Grund war. Die Stimme hatte recht: Sie war ein Feigling, traute sich zu wenig zu.

    In großen Schlucken leerte sie das Glas und stellte es energisch auf den Esstisch.

    Okay, ich gehe ins Kino und werde mich köstlich amüsieren. Außerdem tue ich Jennifer damit einen riesigen Gefallen.

    Die Freundin hatte ein schlechtes Ge­wissen, weil sie Lilly auf den Kinokarten sitzen ließ.

»Also, für Jenny!«, sagte sie etwas zu laut, um ihr Unbehagen zu übertönen und einzuschüchtern, und stürmte ins Bade­zim­mer.

    Höchste Zeit, in zwei Stunden begann die Filmvorführung.