Leseprobe

Zeilengeflüster

Unvermittelt fühlte ich Claras Ellenbogen in meinen Rippen und wurde schmerzlich aus den Tagträumen gerissen.

 

»Schau mal, ist das nicht der arrogante Kerl, der dich vorhin im Coffee-Shop angerempelt hat?«, flüsterte sie und schnaufte verächtlich. »Schüttet dir fast den Kaffee über den Pullover und entschuldigt sich noch nicht einmal vernünftig.«

 

Interessiert reckte ich mich etwas nach vorne im Sitz und schaute zum Gang hinüber. In der Tat, da stand er, mit dem Rücken zu mir, und hantierte an der Gepäckaufbewahrung herum.

 

Immer wieder versuchte er, die Klappe zu schließen, doch irgendwie wollte es ihm nicht gelingen. Ich bemerkte, dass einige der in der Nähe sitzenden Passagiere genervt mit den Augen rollten, andere lächelten amüsiert. Selbst Clara neben mir grinste schadenfroh.

 

Für die Zuschauer war die Situation ganz unterhaltsam, trotzdem tat mir der Mann leid. Zum Glück kam ihm die freundliche Stewardess zu Hilfe und ruck zuck schloss sie die Gepäckklappe. Er dankte ihr erleichtert und setzte sich unauffällig auf den äußeren Platz der mittleren Dreier-Reihe, direkt am Gang.

 

Clara stöhnte ungehalten auf. »Muss das sein? Ich habe keine Lust darauf, dass der Kerl mir noch zufällig einen Tomatensaft über die Hose kippt«, raunte sie mir zu, schlug die Illustrierte auf und blätterte genervt darin herum.

 

Ich grinste und tätschelte ihre Hand. »Ach Clara, reg dich nicht auf. Mach dir lieber Gedanken darüber, was wir uns alles anschauen wollen.« Ich kramte den Reiseführer hervor und wedelte ihr damit vorm Gesicht hin und her.

 

»Lass das«, erwiderte sie empört, doch ihr Lächeln zeigte mir, dass sie sich längst beruhigt hatte. »Du hast recht, wie immer«, seufzte sie, klemmte die Zeitschrift ins Netz vom Vordersitz und faltete das Papier auseinander. »Also, worauf hast du am meisten Lust?«

 

»Das Empire State Building«, platzte es aus mir heraus.

 

Clara lachte herzhaft. »Das war ja so klar«, kicherte sie. »Ich sage nur: Schlaflos in Seattle.«

 

Ich lehnte mich im Sitz zurück und schloss genießerisch die Augen. »Ich liebe diesen Film.«

 

»Du bist eine hoffnungslose Romantikerin. Am liebsten würdest du doch deinen Traumprinzen auf genau dieser Plattform treffen.«

 

»Wieso nicht? Träumen darf man ja wohl noch«, entgegnete ich überzeugt.